Die Päpstin | filmportal.de (2025)

Ingelheim, eine kleine Siedlung im Fränkischen anno 814. Gudrun, Gattin des Dorfpriesters (das personifizierte finsterste Mittelalter: Iain Glen ginge auch als fanatischer Islamist unserer Tage durch), bringt als drittes Kind mit Johanna eine gesunde Tochter zur Welt. Die fünf Jahre später zu einem wissbegierigen, klugen Mädchen herangewachsen ist, die neidisch auf ihre Brüder Matthias und Johannes blickt. Denn diese lernen nicht nur Lesen und Schreiben, sondern werden vom so ehrgeizigen wie reaktionären Vater für eine geistliche Laufbahn vorbereitet. Welche einem nichtadeligen Mädchen versperrt ist, weshalb Bildung für Johanna aus der Sicht ihres Vaters reine Verschwendung, ja Gotteslästerung sei. Was Aesculapius (lange weiße Haare, langer weißer Druiden-Bart: Edward Petherbridge), Leiter der Dorstädter Domschule, anders sieht - und die Saat mehrt, die Matthias in seiner Schwester legte, indem er ihr heimlich Lesen, Schreiben und Latein beibrachte.

Als ein Bote des Bischofs ins Dorf kommt, um Johanna an die Scola zu bringen, stellt sich ihr Vater quer und schickt stattdessen seinen Sohn Johannes. Doch noch in der gleichen Nacht kann Johanna entfliehen – und findet gemeinsam mit ihrem Bruder Aufnahme in der Schule, nachdem sie den so lebensfrohen wie genusssüchtigen Bischof Fulgentius (Wein, Weib und Gesang: Paraderolle für Oliver Nägele) mit ihrem Wissen und ihrer Schlagfertigkeit beeindruckt hat. Johanna muss sich als einziges weibliches Scola-Mitglied gegen starke Widerstände des Schulmeisters Odo und Richild (intrigantes Biest: Claudia Michelsen in Kostüm und Maske einer Hollywood-Diva), Gattin des Grafen Gerold, auf dessen Schloss sie nun wohnt, durchsetzen. Das geht nur so lange gut, bis Gerold in den Krieg gegen die Normannen ziehen muss.

Für Johanna steht fest: Nur als Mann kann sie ihrer göttlichen Berufung folgen. Sie schneidet sich die Haare ab, schnürt sich die Brust flach, legt Ordenskleidung an und findet – versehen mit den Papieren ihres inzwischen verstorbenen Bruders - als Johannes Anglicus Aufnahme im Benediktinerkloster Fulda, wo sie, vom strengen Abt mit Argwohn beobachtet, als Assistentin des Medicus rasch Karriere macht – als heilende Johanna der Armen. Sie übersteht sogar den Besuch ihres Vaters. Als im Kloster eine Fieberepidemie ausbricht, an der auch Johanna erkrankt, muss sie endgültig Entdeckung fürchten – und flieht erneut. Gesund gepflegt von einer Familie, der sie einst das Leben rettete, entscheidet sie sich, erneut als Mann verkleidet, für eine Pilgerreise nach Rom. Wo Johanna dank ihrer seit Fulda legendären Heilkunst Zugang zu Papst Sergius erhält, dessen Leibarzt sie wird. Und damit die Pläne seines designierten Nachfolgers Anastasius zerstört. Eine folgenschwere Wiederbegegnung mit Graf Gerold steht bevor, als der fränkische Kaiser Lothar vor den Toren Roms steht...

Es dauert eine Weile, bis Johannes Anglicus alias Johanna von Ingelheim den Papstthron besteigt. Aber 148 Minuten sollten eigentlich ausreichen, um nicht nur Johannas Weg auf den Heiligen Stuhl, sondern auch ihre Zeit als Papa populo, als Heilige Johanna des römischen Volkes, zu zeigen. Dennoch kommt die Phase ihrer Regentschaft, die ausgerechnet bei einer Oster-Prozession ein blutiges Ende findet auf den Treppenstufen des Lateran, ein mehrfach wiederkehrendes Motiv Wortmanns, entschieden zu kurz: Die „Päpstin“ als kirchliche Reformerin, welche die Not der Armen lindert, ist ein von der Autorin Cross explizit verfasster Gegenentwurf zur vatikanischen Geschichte unter Verwendung einer Legende, die zwar nicht zu beweisen ist, sich aber über 700 Jahre beharrlich gehalten hat.

Die ARD strahlte am 19. Dezember 2011 erstmals den nur um zehn statt der angekündigten 30 Minuten verlängerten TV-Zweiteiler aus. Der ursächlich dafür verantwortlich ist, dass Volker Schlöndorff nach siebenjähriger Vorbereitungszeit mit der Ufa-Filmproduktion „ausgestiegen wurde“ und die Constantin übernahm: Tandem- oder Amphibienfilme, wie man die parallele Auswertung für Leinwand und Bildschirm nennt, sind Schlöndorffs Sache nicht. So sind uns immerhin die zuerst vorgesehene Cate Blanchett und die danach favorisierte Franka Potente in der Titelrolle erspart geblieben: Die 34-jährige Johanna Wokalek ist sicherlich die bessere Wahl für den Spagat zwischen der Androgynität eines männlichen Papstes und der erotischen Ausstrahlung einer begehrenswerten Frau. Was Wortmann allerdings bei der einzigen Liebesszene zwischen Wokalek und David Wenham eingefallen ist, rechtfertigt den Aufwand „einer der teuersten deutschen Produktionen der letzten Zeit“, so Produzent Martin Moszkowicz, nicht wirklich.

Der international besetzte, ausschließlich auf Englisch gedrehte Historienfilm will sich mit den für den Weltmarkt produzierten Hollywood-Produktionen messen – und schneidet dabei nicht so schlecht ab bezogen auf den Cast und die globale Themensetzung (Donna W. Cross: „Streng genommen geht es um die Frage, wie sich eine wissbegierige Frau gegen Unterdrückung durchsetzt und Fortschritt möglich macht“), weniger auf die fürchterlich kitschige Musik-Sauce und den in seinem Volkshochschul-Ton nervigen allwissenden Erzähler aus dem Off. Leider hat Wortmann auch bei der Drastik naturalistisch geschildeter Gewaltszenen den Vergleich mit Hollywood gesucht: dass „Die Päpstin“ für Zwölfjährige freigegeben ist, halte ich für sehr bedenklich, auch wenn mir zahlreiche Kollegen am Premierentag im Berliner Cinestar versicherten, abgehackte Finger und gespaltene Schädel in Cinemascope-Format seien gar nichts im Vergleich zu gängigen Videospielen für weit jüngere Nutzer.

Pitt Herrmann

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